Dienstag, 10. November 2009

Das neue Haus


Ich stand am Fenster und blicke auf die immer noch nicht vertraute Lichtung hinter unserem Haus. Wir waren vor einem Monat hierher gezogen. Mit `Wir` meine ich mein Mutter und mich!!! Soweit ich mich zurück erinnern konnte, gab es immer nur sie und mich. Wir waren also vor einem Monat hierher gezogen. In die kleinste und am weitesten von der Zivilisation entferntesten Stadt in ganz Deutschland. Das Haus, oder mehr das Anwesen das wir, weil es Jahrzehnte lang leer gestanden hatte, recht billig bekommen hatten, war riesig. Ich hatte ein wunderschönes Zimmer und eine gigantische Aussicht auf eine Lichtung hinter unserem Haus. Im Großen und Ganzen fühlte ich mich nach dem ganzen Kiste schleppen, einrichten und Gezanke mit meiner Mutter ganz wohl. Ich war allein und das war auch ganz gut so. Meiner Mutter, die den ganzen Schnellumzug organisiert hatte, habe ich zur Entspannung einen Wellnesstag geschenkt. Sie hatte es dankbar angenommen und war bereits früh morgens losgefahren. So hatte ich den ganzen Tag für mich allein, was sich als ziemlich langweilig heraus stellte. Wir hatten noch keinen Fernseher und von Internet hatte man hier anscheinen noch nichts gehört. Also blieb mir nur eins, ein Buch zu schnappen und mich auf meiner extrem breiten und mit Kissen bequem gemachten Fensterbank hinzusetzen und zu lesen. Das strahlende Licht des Frühlings schien an mir vorbei in mein Zimmer und wanderte über meine, immer noch nicht ausgepackten Kisten. Ich verspürte einfach keine Lust sie auszupacken. Klar, ich mochte mein neues Zuhause und war mit dem Umzug einverstanden gewesen, denn nichts hatte mich an unser altes Zuhause gebunden. Keine Freunde, keine Familie, nichts. Aber trotzdem wollte ich nicht auspacken. Es kam mir nicht richtig vor. Zumindest jetzt noch nicht.
Das Licht der untergehenden Sonne schien mir ins Gesicht, so dass ich meine Augen aufmachte. Ich war zu meiner Verwunderung eingeschlafen und schaute jetzt zur Lichtung, in der sich zwei Leute bewegten. Ein Mann und eine Frau. Sie liefen Hand in Hand. Ich fühlte wie meine Wangen heiß wurden, und blickte weg. Wahrscheinlich ein Paar, das einen kleinen Spaziergang machte und ich glotzte schon förmlich. Ich stieg von der Fensterbank herunter und streckte mich. Das war das erste und letzte mal das ich auf der Bank hier einschlafe, ermahnte ich mich. Mein Blick fiel wieder zur Lichtung und blieb wie festgeklebt dran hängen. In meinem Kopf machte es klick und ich öffnete den Mund um zu schreien aber es kam kein Wort, nur ein Keuchen heraus. Der Mann und die Frau stand noch da, nur hatte sich das vertraute Paar in ein ums Leben ringendes verwandelt. Der Mann beugte sich über die Frau und seine Hände schlangen sich um ihren Hals. Ihre Hände steckten in seinen Haaren und zogen daran. Sie zappelte wie ein Fisch in seinen Händen, aber der Kampf dauerte nicht lange. Irgendwann ließen ihre Zuckungen nach und sie ließ ihre Hände hängen. Ich krallte mich mit den Händen an der Fensterbank fest, da mir die Füße den Dienst versagen wollten. Mein Keuchen wurde zu einem Schluchzen. Oh mein Gott! Auf einmal ließ der Mann die Freu fallen und schaute zum Haus. Sein hasserfüllter Blick traf mich und ich zuckte verschreckt zurück.
Nein, er konnte mich nicht gesehen haben!? Oder doch?
Nach ein paar tiefen Atemzügen wagte ich es wieder und schaute zur Lichtung. Wieder stockte mir der Atem. War ich jetzt völlig übergeschnappt! Der Mann war weg, ebenso wie die noch eben tot auf dem Boden gelegene Frau. Ich schaute verwirrt durch die Gegend, nirgends war eine Spur von den beiden. Was sollte ich jetzt tun? Der Gong unserer Haustür riss mich aus den Gedanken. Was wenn er es ist? Ein Gedanke, dem ich viel zu gerne folgegeleistet hätte, dränge mich alle Türen und Fenster zu schließen und mich in meinem Bett zu verkriechen. Aber die Neugier war zu groß, also ging ich die knarrende Holztreppe runter in den Hauseingang und schaute durch das ins Holz eingelassene Glas in der Tür. Ich sah nichts! Draußen begann es langsam zu Dämmern. Mein Herz beruhigte sich langsam und da ich niemanden sah, öffnete ich die Tür. Niemand war da. Ich atmete erleichtert aus. Man konnte sich aber auch verrückt machen. Gerade als ich die Tür wieder schließen wollte, räusperte sich jemand und ich schaute noch mal nach draußen. Da stand er, der Mann von der Lichtung. Ich schluckte hörbar und mein Körper versteifte sich. Er lächelte. Ich hörte dass er nach einem Telefon fragte, aber ich beachtete ihn nicht. Meine Augen waren auf die Frau hinter ihm gerichtet. Die Frau von der Lichtung. Das kann nicht sein, schoss es mir durch den Kopf. Mir wurde schwindlig. Ich hatte es doch gesehen. Beide schauten mich an, beide lebten, sie waren gesund und glücklich. Er fragte noch mal nach dem Telefon. Offenbar dachte er ich höre nicht recht. In meinem Kopf ratterte es. Das kann nicht möglich sein. Jetzt sagte die Frau etwas. Ich verstand es nicht. Sie streckte mir ihre Hand entgegen und ich nahm sie zögernd entgegen. Was ich sofort wieder bereute. Ihre Hand war eiskalt und in meine Hand begann es zu kribbeln. Ich sah in ihr Gesicht, das lächelte. Dann war ich weg. Verlor mich in Dunkelheit.
Das Licht weckte mich. Es war so intensiv das ich zuerst meine Augen zusammen kniff bevor ich sie aufmachte. Mein Körper schlug Protest und ich stöhnte als ich mich aufrichtete. Zuerst begriff ich nicht. Dann machte es klick. Ich schaute auf meine Armbanduhr. 16.54 Uhr. Sonnenuntergang. Ich war eingeschlafen und habe geträumt. Das war alles nur ein Traum gewesen. Gott, war ich erleichtert. Ich lief paar Schritte durch mein Zimmer und wunderte mich über meinen wirklich komischen Traum bevor ich zum Fenster hinaus schaute. Ich stockte und mein Lächeln verschwand. Ein Mann und ein Frau, Hand in Hand, in der Lichtung. Automatisch drehte ich mich vom Fenster weg, und blickte auf meine immer noch nicht ausgepackten Kisten. Auspacken erscheint mir JETZT gar nicht mehr so übel.

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